Humanistische Feierkultur

Ein Großteil der gesetzlichen Feiertage sind bekanntlich religiöse Festtage und der Umgang mit diesen Feiertagen ist für nicht religiöse Menschen durchaus unterschiedlich. Ignoranz oder naive Kritik führen aber nicht zu einer selbst bestimmten Feierkultur und der humanistischen Gestaltung von Festtagen. Ein abstrahierender Blick auf rituelle Feiertage gibt Auskunft über Sinn und Funktion von Feiertagen und Ritualen geben und kann zu einem selbst bestimmten Umgang mit Feiertagen führen.

Neben den persönlichen und individuellen Feiertagen gibt es kulturübergreifende Feiertage, die im Verlauf eines Menschenlebens entscheidende Übergänge gestalten und Feiertage, die durch den Jahresrhythmus bestimmt sind. Rituale des Übergangs sind mit humanistischen Namens-, Jugend-, Hochzeits- und Trauerfeier säkularisiert worden und werden erfolgreich individuelle und selbst bestimmt gestaltet.

Anders sieht es bei Feiern im Jahresverlauf aus. Während das Christentum bekanntlich gut darin war, bestehende römische und heidnische Kulte und Feiertage in ihrem Sinn umzudeuten und zu transformieren, stellen sich Winterfeiern und Humanistentag meist als eher zaghafte Ansätze dar, deren Sinn offen bleibt. Ein einfaches Zurück zu vorchristlichen Feiern ist nicht möglich und würde letztlich nur andere Götter huldigen.

Kulturelle und religiöse Riten erfüllen verschiedene Funktionen in einer Gesellschaft. Sie sorgen für Halt und Orientierung in der Welt und wirken Gemeinschaft stiftend. Besonders deutlich wird dies bei den sogenannten Passageriten. Passageriten sind jene Rituale, die das Leben und den Status eines Menschen in der Gesellschaft bestimmen. Mit der Namensfeier wird ein Mensch in die Gesellschaft eingeführt. In traditionellen Gesellschaften bestimmte der Name über Rang und Funktion der Person in der Gesellschaft. Mit der Jugendfeier wird der Übergang eines Kindes zum Erwachsenen mit einer Zeremonie bildlich. Mit der Hochzeitsfeier bildet sich eine neue Form der Verbindung von zwei Menschen. Und mit der Trauerfeier nehmen wir Abschied von einem Menschen, der dann nicht mehr die Gesellschaft mit gestaltet. Im traditionellen Kontext wird schnell deutlich, dass mit jeder dieser Feiern der Platz einer Person einer Gesellschaft zugewiesen wird. Für Menschen in Umbruchsituationen bieten Riten eine Form sich in den Situationen zurecht zu finden.

Auch Feiern im Jahresrhythmus geben Orientierung, Sinn und Halt im menschlichen Leben. Deutlich wird das beispielhaft, wenn im Winter Kerzen angezündet werden und mit diesen die Dunkelheit erhellt wird und Hoffnung auf eine Wiederkehr von Frühjahr und Sommer und damit auf ein besseres Leben gegeben wird. Die Wintersonnenwende stellt ein Fest im Jahreszyklus dar, welches durch wiederkehrende Veränderungen in der Natur bedingt ist. Deshalb findet sich ein Fest zur Wintersonnenwende in verschiedenen Kulturen und es finden sich Elemente, die mit dem Umschwung von kürzer zu länger werdenden Tagen zusammen hängen. Die heidnischen Feste zur Sonnenwende im Winter, die in das Weihnachtsfest eingegangen sind, bieten mit Kerzen und Symboliken des Lichts einen Ausgleich zur dunkleren und kürzen Tagen und machen es leicht diese mit der Hoffnung auf ein besseres Leben zu verbinden. Sie bedienen mit festlichem Schmücken, grünen Zweigen und Kerzen ein psychologisches Verlangen.

Die Ähnlichkeit der Riten und ihre Bedeutungen hängen weniger mit den konkreten inhaltlichen Bestimmungen oder angebeteten Göttern zusammen, sondern verweisen letztlich auf allgemeine menschliche Bedürfnisse. Gleichzeitig zeigt die konkrete Ausgestaltung der jeweiligen Riten immer auch etwas über die jeweilige Kultur, in der sie praktiziert werden. An ihnen lassen sich soziale Ordnungen, Werte und die sinnstiftende Bedeutung aufzeigen, weil diese darin Ausdruck finden.

Eine humanistischen Feierkultur muss einerseits bestimmten menschlichen Bedürfnissen gerecht werden, andererseits kommen so auch humanistische Werte zum tragen. So spiegelt die Selbstgestaltung einer Feier statt dem blinden Folgen eines Ritus die Betonung eines selbst bestimmten Lebens. Die Ausgestaltung muss dabei grundsätzlich offen gehalten werden. Sie sollte sich aber durch gemeinsames Feiern der Gefahr einer Individualisierung entgehen und vielmehr den Raum schaffen, in dem gemeinsam ein Sinn gestiftet werden kann. Dazu gehört auch notwendig ein Diskurs über die Frage, was wir überhaupt feiern.

Eine Feier zum Tag der Menschenrechte – die ja auch mit zwei Wochen Verspätung begangen werden kann – würde beispielsweise nicht nur zeigen, dass der Mensch sich selbst Gesetze auferlegen kann, sondern auch dauerhaft an die Aufgabe der Achtung der Menschenrechte erinnern. Das Anzünden von Kerzen an dunklen Tagen kann mit der Lichtmetaphorik der Aufklärung verbunden werden und so einen Raum schaffen, in dem diese angemessen hoch gehalten werden. Mit diesen und vielen weiteren Formen können auch die Grundlagen eines weltlichen Humanismus im menschlichen Leben Ausdruck finden und eine humanistische Gesellschaft formen.

Dieser Beitrag von Henrike Lerch erschien Feb. 2018 im „Freien Denken“, Mitgliederinfo des Humanistischen Verbandes NRW K.d.ö.R.

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