„Ohne Hokuspokus, ohne Esoterik“

Auch viele Menschen ohne einen traditionellen Glauben gestalten ihre Lebenswenden gerne bewusst. Der Schweizer Christian D. Grichting hat das früh erkannt und erfolgreich ein Unternehmen aufgebaut, das Konfessionsfreien dabei eine humanistische Begleitung anbietet: vom Beginn des Lebens bis zum Ende.

Rund 120 Feiern pro Jahr begleiten er und sein Team heute: von Willkommens- oder Namensfeiern für Neugeborene über Hochzeiten bis zum Trauerfall. Im Unterschied zu religiösen oder esoterischen Ritualen bieten die humanistischen Zeremonien eine profilierte Orientierung an der realen Welt und stellen die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt. „Im Zentrum der Feier steht immer die entsprechende Person“, betont Christian D. Grichting.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, im Bereich der Feiersprecher zu arbeiten?

Christian D. Grichting: 2000 las ich in einem Bericht des Bundesamtes für Statistik, dass gut elf Prozent der Schweizer Bevölkerung konfessionslos sei. Das waren über 700.000 Menschen, die wichtige Ereignisse im Leben nicht unbedingt religiös begleitet haben wollen. Meine Idee, ein Unternehmen zu gründen welches humanistische Feiern anbietet, war geboren. Fast mein gesamtes Umfeld riet davon ab, da es zu wenig Klientel dafür vermutete. Gut vier Jahre später war mein Konzept ausgereift und ich mutig genug, um im März 2004 das Unternehmen CÉRÉMONIE GRICHTING im Handelsregister eintragen zu lassen. Dieses Jahr feierten wir das zehnjährige Bestehen.


Foto: C. Grichting

Warum haben Sie sich dafür entschieden, eine profiliert humanistische Begleitung anzubieten?

Das war eine rationale Entscheidung. Jede Religion praktiziert ihren eigenen Ritus der für Gläubige Sinn macht. Dann gibt es eine Vielzahl an spirituellen Anschauungen und Mischformen, die wiederum ihre Anhänger finden. Das säkulare Angebot war bescheiden, die Nachfrage nach außerkirchlichen Begleitungen jedoch steigend. Dabei war es mir wichtig, keinen Mischmasch oder Esoterik zu betreiben. Das Resümee war die humanistische Profilierung.

Wodurch unterscheiden sich Ihre Zeremonien von dem, was freie Theologen und andere Redner am freien Markt anbieten?

Der religionsfreie Inhalt der Feiern ist zentral. Es wird nicht spekuliert mit „Jenseitigem“. Wir konzentrieren uns auf das Vorhandene, stellen den Menschen ins Zentrum der Feier. Wir arbeiten rational und humanistisch ohne Hokuspokus, Esoterik oder Mischmasch. Einfach dem Anlass entsprechend würdevoll. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wie viele Feiern pro Jahr begleiten Sie, was wird am häufigsten nachgefragt?

2004 waren es 30 Feiern, heute sind es 120, die ich mit meinem Team begleite und leite. Bis vor drei Jahren waren die Hochzeitszeremonien führend. Inzwischen stehe ich mehr am Grab. Willkommensfeiern nehmen den letzten Platz ein. Die Aufwärtsentwicklung liegt bei CÉRÉMONIE GRICHTING ganz klar bei den Trauerfeiern.

Wie hoch ist denn der Anteil der Bevölkerung, die sich für nichtreligiöse Begleitungsangebote interessiert? Unterscheidet sich das nach der Art der Feier?

In der Schweiz sind über 25 Prozent der Bevölkerung auf dem Papier konfessionslos. Viele nutzen aber bei der Hochzeit immer noch den kirchlichen Dienst oder heiraten „nur“ standesamtlich. Bei der Beerdigung werden immer noch viele Konfessionsfreie durch kirchliche Amtsträger begleitet. Der Grund ist oft, dass in ländlichen Gegenden das Angebot eines Trauerredners nicht bekannt ist. Bei der statistischen Auswertung unserer Klientel waren bei Abdankungen 91 Prozent der Verstorbenen konfessionsfrei. Bei Hochzeiten beträgt der Anteil 54 Prozent.

Aus welchen Motiven entscheiden sich Menschen für Ihre Begleitung?

Ein Hauptgrund bei Trauerfeiern ist, dass viele Angehörige emotional selten in der Lage sind den Feierlichkeiten vorzustehen. Bei Hochzeiten hören wir immer wieder: „Wir wünschen uns eine externe Person“. Und ganz allgemein ist der Wunsch nach Professionalität gefragt.

Welche Wünsche und Vorstellungen begegnen Ihnen häufiger bei den Klienten?

Bei Hochzeiten wird immer wieder der Wunsch nach Romantik geäußert. Es soll Tiefe haben und zum Schmunzeln anregen. Oft wird ein persönlich gesprochenes Versprechen gewünscht. Bei Trauerfeiern wird großen Wert darauf gelegt, dass keine Gebete und Psalmen gesprochen werden, dass selbst ausgewählte Musik gespielt wird. Bei jung Verstorbenen wird gerne Multimedia in Form von Bild und Animation gewünscht. Auch nach Ritualen, um sich an der Urne oder am Sarg zu verabschieden, wird gefragt.

Gibt es in dem Bereich bestimmte Moden oder Trends?

Im Grundkern bleibt die jeweilige Feier was sie ist. Der Ausführung hingegen sind kaum Grenzen gesetzt. Wir hatten schon eine Zeremonie während eines Fluges nach Paris. Bei Hochzeiten waren eine zeit lang Zeremonien auf Schiffen gefragt, bis vor kurzem sehr beliebt waren Outdoor Feiern an Seen oder auf Almen. Und nun ist ein „Trend“ zum Luxus-Hotel zu erkennen. Zeremonie und Feier an einem Ort mit traumhafter Lage. Bei Beerdigungen sind nebst den Gemeinschaftsgräbern Baumbestattungen beliebt. Eine Zunahme gibt es auch bei Trauerfeiern mit Ausstreuung der Asche in den Alpen und Fluss- und Seebestattungen.

Welchen Wünschen würden Sie denn nicht entsprechen?

Da wir religionsfreie Feiern anbieten, können wir keine Wünsche wie Gebete und Segen erfüllen. Bei Hochzeiten sind mir noch keine Grenzen begegnet. Und bei Trauerfeiern darf die Pietät nicht verletzt werden. Auch hier gab es bis jetzt noch keine Beanstandungen.

Worauf legen Sie persönlich am meisten Wert bei einer Zeremonie?

Obwohl ich die Zeremonie leite, ist es mir sehr wichtig, nicht selber im Vordergrund zu stehen. Im Zentrum der Feier steht immer die entsprechende Person. Ich habe keine Botschaft zu vermitteln. Ich sehe mich einfach als diskreter Begleiter und Leiter der Feier.

Hat es bei dieser Arbeit für Sie überraschende oder eindrucksvolle Erlebnisse gegeben?

Immer wieder sehr eindrücklich sind die Gespräche mit Personen, deren Trauerfeier ich zeitnah leiten darf. Oder wie junge Menschen ohne Berührungsangst mit der bloßen Hand in die Urne greifen und die Asche mit sorgfältigem Schwung dem Wind in den Alpen übergeben. Bei einer Hochzeit fand ich das zusätzliche Versprechen der Braut an ihren neuen achtjährigen Stiefsohn sehr berührend.

Was für eines war es?

Sie versprach, seine Mami nicht ersetzen zu wollen, sondern ihm eine gute Freundin zu sein. Sie wolle weiterhin mit ihm Fußball spielen, zusammen Pfannkuchen backen und Play Station spielen. Sie sei stolz auf ihn.

Und welche Fähigkeiten muss nun ein humanistischer Feiersprecher besitzen?

Großen Wert lege ich auf gute Manieren. Sie sind ohne Sozialkompetenz, Weltoffenheit und Bildung nicht möglich. In meinem Team finden Sie eine PR-Managerin, eine Psychologin, eine Schauspielerin und einen ehemaligen Priesteranwärter. Alle weisen gute Manieren auf. Natürlich bilden wir uns regelmäßig in Gesprächsführung, Didaktik, Paar- und Trauerpsychologie und zum Thema soziale Vielfalt weiter.

Arik Platzek
Montag, 1. September 2014